Brücken bauen!
Lehren aus dem Berliner Wahlerfolg der Piraten Partei für die deutsche Sozialdemokratie und ihre NetzpolitikDie ersten Ergebnisse der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus erreichten mich im Zug von Warschau nach Berlin am Rückweg vom
„Creative Commons Global Summit“. Mit im Abteil saß ein älteres Ehepaar, das sich erfreut darüber zeigte, dass Berlin weiterhin von Klaus Wowereit regiert wird. Sie hatten ihm per Briefwahl schon vor einer Woche die Stimme gegeben. Der Erfolg der Piratenpartei sorgte jedoch gleichermaßen für Verwunderung und Sorge. Einerseits wussten die beiden trotz politischem Interesse kaum etwas von dieser Partei, außer dass es mit dem Internet zu tun hat. Andererseits äußerten sie die Befürchtung, dass hinkünftig die Anliegen jener, die mit dem Tempo der neuen digitalen Technologien nicht so einfach mithalten können, zuwenig berücksichtigt werden könnten. „Denkt auch an uns Ältere!“ gaben sie mir deshalb mit auf den Weg, als wir uns am Berliner Hauptbahnhof verabschiedeten.
Dieses Erlebnis illustriert für mich zweierlei: Estens zeigt es, wie unwahrscheinlich eigentlich das Ausmaß des Erfolgs der Piratenpartei in Berlin war. Denn ein großer Teil der WählerInnen konnte und kann bis heute überhaupt nichts mit der Partei und ihren Kernanliegen anfangen. Sie verstehen sie schlicht und einfach nicht. Zweitens weist es den Weg um sozialdemokratische Lehren aus der Berliner Wahl zu ziehen, die weit über die Hauptstadt hinausreichen.
Die Piraten haben sich in Berlin klar als linke Partei präsentiert
Aus sozialdemokratischer Perspektive ist es interessant zu beobachten, dass der Durchbruch der Piraten auf Landesebene verbunden war mit einer klaren politischen Positionierung links der Mitte. Die Berliner Piraten zählen zu den Verfechtern eines Vollprogramms für die Piratenpartei – im Gegensatz zu dem Flügel der „Kernis“, die sich gerne rein auf netzpolitische Kernthemen beschränken würden
vgl. taz.de. Davor waren die Piraten auch in Stadtstaaten wie Hamburg (2,1%) und Bremen (1,9%) mehr als deutlich am Einzug in ein Landesparlament gescheitert.
Und auch in Berlin wären die Piraten mit einem reinen Netzpolitik-Programm wohl kaum in die Nähe von 9% gekommen. Mit klaren Positionierungen wie gesetzlicher Mindestlohn, freier Zugang zu Bildung, kostenloser öffentlicher Nahverkehr und der Forderung nach einem Grundeinkommen verorten sich die Piraten in Berlin klar im linken Bereich des politischen Spektrums. Diese Forderungen mögen nicht unmittelbar umsetzbar sein, sie sind aber exemplarisch für das optimistische Zukunftsbild der Piraten. Und deshalb hat die Piratenpartei auch vor allem im Revier von SPD, Linkspartei und Grünen gewildert, gleichzeitig aber auch viele Enttäuschte aus dem Lager der NichtwählerInnen gewinnen können. Der Erfolg der Piraten in Berlin ist also auch ein Erfolg für linke Ideen und Visionen.
Überhaupt verkennt das nach vorne gerichtete, progressive Moment der Piratenbewegung, wer, wie Stefan Plöchinger in der
Süddeutschen Zeitung , in Piraten bloß „digitale Wutbürger“ zu erkennen glaubt. Ganz im Gegenteil. Wütend sind die Vertreter der etablierten Parteien und der etablierten Unterhaltungsindustrie, und zwar auf die „Bedrohung“ und die „Gefahren“ des Internets, auf die bösen TauschbörsenbenutzerInnen und auf die anonymen Hacker.
Nicht nur politische Inhalte, auch die Form von Politik zählt
Dem gilt es eine positive, die Chancen fokussierende Perspektive auf das Internet entgegenzusetzen. Der
Online-Antrag zu „digitaler Gründerkultur“ war hier jedenfalls schon ein Schritt in die richtige Richtung – und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch der Form nach.
Denn die Piraten punkten nicht nur mit ihren Inhalten, sondern auch mit der Form, wie sie Politik machen. Interaktion and Aktivität der Mitglieder wird groß geschrieben. Die Palette reicht von neuen Forme innerparteilicher Mitbestimmung wie dem Tool
„Liquid Feedback“ bis hin zum klassischen Plakatwahlkampf, bei dem die Mitglieder eingeladen waren, selbstgestaltete Plakate in die Landschaft zu stellen. Verbunden damit ist aber ein Stück weit, Kontrolle abzugeben bzw. zu dezentralisieren. Einer etablierte Partei wie die SPD mit eingespielten, bisweilen festgefahrenen Entscheidungswegen fällt dieses Abgeben von Kontrolle naturgemäß schwer. Gleichzeitig ist das aber die Voraussetzung dafür, dass die durchaus vorhandene inhaltliche Kompetenz in der SPD stärker zur Geltung kommen kann. Das gilt auch oder sogar gerade für den Bereich der Netzpolitik.
Die Chance für die SPD liegt im Brückenbau
Denn neben dem
„Gesprächskreis Netzpolitik“ des SPD-Parteivorstands gibt es in ganz Deutschland verschiedene (Basis-)Initiativen vor allem junger AktivistInnen in der Sozialdemokratie. Als Beispiele für viele seien hier die Projekte
„SPD Netzpolitik“ sowie
„Das ist Sozialdemokratisch!“ genannt – letzteres mit einem durchaus breiten Anspruch weit über netzpolitische Fragen hinaus.
Die große Chance der SPD besteht nun vor allem darin, diese durchaus vorhandene netzpolitische Kompetenz zum Bauen von Brücken zu jenen einzusetzen, die sich von Tempo und Dynamik des digitalen Wandels überrollt fühlen. Die SPD wäre strukturell prädestiniert dafür, den Bogen zwischen den sogenannten „digital Natives“ und jener älteren Generation zu schlagen, zu der das eingangs beschriebenen Ehepaar zählt, und diesen ein positives Bild von den Chancen des Internets zu vermitteln. Das scheitert derzeit vor allem daran, dass die SPD-Führung ihren eigenen NetzpolitikerInnen nicht genug Gehör und vor allem nicht genug Vertrauen schenkt. Wenn der Wahlsieg der Piraten in Berlin daran etwas ändern sollte, dann wäre schon viel erreicht.
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